Lieber Nachbar

Sie werden mich nicht kennen, aber vielleicht haben Sie mich schon mal mit dem Schlepper durch das Dorf fahren sehen. Und wenn Sie heute schon ihr Frühstücksbrötchen mit Wurst oder Marmelade gegessen haben, dazu eventuell ein Glas Milch getrunken oder einen Joghurt verspeist haben, dann haben Sie möglicherweise einige meiner Produkte gekauft. Ihr bin nämlich Ihr Landwirt aus der Nachbarschaft, der Sie Tag für Tag mit dem versorgt, was Sie zum Leben brauchen. Mit Lebensmitteln. Aber nicht nur dass, sondern einiges mehr. Ich will Ihnen deshalb mal einiges über meine Arbeit berichten.

Die wichtigsten Grundnahrungsmittel wie z.B. Mehl, Zucker, Milch, Fleisch, Obst, Kartoffeln und Gemüse stammen aus Deutschland. Damit sie frisch sind und nicht unnötige Umwelt-Kosten verursachen sollen, vertragen sie keine weiten Transporte. Daher ist es sinnvoll, regionale Produkte zu bevorzugen. Außerdem werde ich als deutscher Bauern sehr streng kontrolliert. Von der Bodenbearbeitung über das Saatgut bis hin zu Pflanzenschutz und Düngung ist alles reglementiert. Ich schreibe alles auf, was ich tue und jeden Tag kann ein Kontrolleur unangemeldet kommen und sich meine Unterlagen ansehen. Ob dass bei importierten Lebensmittel auch so ist? Oft verbringe ich mehr Stunden im Büro als auf dem Trecker. Damit Sie unbesorgt essen können.

Immer weniger ernähren immer mehr

Mein Opa erzeugte um 1900 mit seiner Arbeit nur Nahrungsmittel für etwa vier Menschen. 1950 konnte mein Vater bereits zehn Menschen mit seiner Arbeit „satt machen“. Heute kann ich - rein rechnerisch - sogar 133 Personen ernähren. Denn obwohl mein Opa viel schwerer körperlich arbeiten musste, hat er viel weniger auf dem Acker geerntet. Und zu seiner Zeit waren die Lebensmittel auch noch viel teurer. Heute geben Sie für Auto, Urlaub und Freizeit doppelt so viel aus als für das, was sie jeden Tag auf dem Teller haben. Und dass Lebensmittel billiger geworden sind zeigt folgendes Beispiel: 1960 musste ein Arbeiter für 10 Eier rund 50 Minuten arbeiten: Heute sind es gerade mal 5 Minuten. Wahrscheinlich haben Sie in den letzten 40 Jahren noch nie gehungert. Das verdanken Sie mir, aber auch meinen fleißigen Berufskollegen rund um den Erdball.

Mehr als nur Lebensmittel

Doch als Landwirt produziere ich nicht nur Lebensmittel im direkten Sinne. Ich produziere mit meinen Pflanzen auch Sauerstoff und entziehe der Atmosphäre so Kohlendioxid damit Sie saubere Luft atmen können. Der Regen, der fällt, und wieder zu Grundwasser wird, versickert in meinem Acker damit Sie sauberes Trinkwasser haben. Und dass ich den Boden, der mein Kapital ist, in bester Verfassung erhalten und pflege, ist selbstverständlich und liegt in meinem eigenen Interesse. Dazu brauche ich eigentlich keine staatlichen Regelungen. Sie haben den Nutzen von meinem Acker. Kostenlos.

Mit meiner Bewirtschaftung schaffe und erhalte ich auch die Landschaft. Blühende Rapsfelder, wogende Getreidefelder und grüne Wiesen gäbe es ohne mich nicht. So sind auch Heide- und Heckenlandschaften, Weinberge und Obstwiesen Gebiete mit ihrer ganz eigenen Flora und Fauna, die es ohne den Menschen nicht gäbe. Die Feldwege und -ränder, auf denen Sie abends und am Wochenende spazieren gehen, werden von mir gepflegt. Kostenlos.

Der Druck des Marktes

Doch mein Hof ist kein Hobby sondern ein Unternehmen. Viele meiner ehemaligen Berufskollegen haben dies schmerzlich erfahren und haben ihren Betrieb aufgeben müssen. So funktioniert unsere Wirtschaft eben: Wer nicht mitkommt, verliert. Deshalb muss mein Betrieb, mein Unternehmen auch immer größer und immer effizienter werden, wenn mich nicht das gleiche Schicksal ereilen soll. Doch ich kann meinen Betriebssitz nicht, einfach so, nach Asien verlegen, wie es andere Unternehmen können und tun. Seit Generationen wirtschaftet unsere Familie an immer der gleichen Stelle. Mein Unternehmen ist auf Langfristigkeit angelegt. Und nicht nur für die nächsten 20 Jahre! Ich will meinen Betrieb finanziell gesund und nachhaltig gepflegt an meinen Nachfolger weitergeben. Ein altmodisches Geschäftsmodell? Ja, sicher! Wie sagte schon Thomas Morus: „Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“. Meine Vorfahren haben es für mich gemacht. Und ich führe es weiter. Für die nächste Generation. Für Ihre und meine Kinder.

Alles so schön bunt hier

Unser Hof steht unter Denkmalschutz. Der Erhalt der Gebäude wird aus der eigenen Tasche finanziert. Sie können sich daran – kostenlos - erfreuen und finden den alten Gutshof schön. Ich auch. Dafür verzichte ich auch auf anderes. Fördermittel? In Zeiten der Krise Fehlanzeige.

Die Wiesen und der Weiher rund um den Hof stehen unter Landschaftsschutz. Einen kleinen Wald habe ich auch angelegt, vor zwanzig Jahren. Einfach weil ich Freude daran hatte. Eichen und Buchen sind jetzt über 10 m hoch. Mit der Sense habe ich damals das Unkraut in Schach gehalten, damit die kleinen Setzlinge nicht erdrückt wurden. Heute werfen die Bäume Schatten. Und auf der Bank, die ich an den Waldrand gesetzt habe, sitzen alte Leute und junge Pärchen, die ungestört sein wollen…

Der Schatten und die Benutzung der Bank sind natürlich kostenlos. Und mit meinem mittlerweile erwachsenen Sohn habe ich vor drei Jahren einen weiteren Wald angepflanzt. Jetzt mäht er den Bewuchs unter den Setzlingen. Ökologisch, mit der Sense. So lernt er das auch. Mit der Sense umzugehen und umweltbewusst zu denken. „Learning by doing“.

Für und von der Umwelt

Aktuell plane ich eine Anlage für Photovoltaik (Strom von der Sonne) und Solarthermie (warmes Wasser mit Sonnenkraft), um die fossilen Brennstoffe zu schonen. Darf ich aber nicht. Der Hof steht ja unter Denkmalschutz und auf den Weiden gilt Landschaftsschutz! Verstehen Sie das?

Auf den Weiden kann der Schäfer seine Schafe halten. So habe ich das Mähen mit dem Schlepper und damit Diesel gespart. Gleichzeitig düngen die Schafe die Weiden auf natürliche Weise. Und die vorbeikommenden Spaziergänger finden die Schafe mit ihren Lämmern „richtig süß“. Könnten Sie nicht, wenn ich die Weide zu Ackerland gemacht hätte.

Wenn im Frühjahr die Schafe geschoren werden müssen, kommen Saisonarbeiter aus Neuseeland, die das im Akkord machen. Hier kann das keiner mehr. Zum Lohn bekommen sie die Wolle. Die kleinen Mengen selbst zu verkaufen lohnt nicht, denn Kleidung aus Baumwolle und Kunststoff ist billiger in der Herstellung und Schafswolle aufzubereiten ist zu teuer. So kommen die Rohstoffe für unsere Kleidung eben aus Übersee.

Ihnen stinkt’s?

In den letzten Jahren setze ich zunehmend organische Dünger ein. Die helfen mir, den Humusgehalt in meinem Boden zu erhalten und hoffentlich im Laufe der Zeit zu verbessern. Auch die Bodenorganismen freuen sich. In meinem Falle ist der organische Dünger veredelter Pferdemist. Dann liegen auf meinen Feldern große braune Haufen. Wenn die im Sommer auf die Getreidestoppel ausgestreut werden, riecht es: nach Pferdemist. Sie sagen vielleicht: es stinkt. Wenn ich mineralische Dünger einsetze, stinkt es nicht. Aber diese Dünger werden mit viel Energie aus Erdöl hergestellt. Das belastet die Umwelt. Nicht hier aber woanders.

Meine Botschaft

Warum ich das alles schreibe? Marketing! Werbung für meine Arbeit und meine Produkte! Damit Sie, wenn Sie demnächst wieder bei Aldi, Lidl oder Penny mit dem Einkaufswagen an den bis obenhin gefüllten Regalen vorbeifahren, darüber nachdenken, woher Ihre Lebensmittel kommen. Und von wem sie kommen. Wenn Sie dann noch die Frühkartoffel aus Ägypten, die Bananen aus Costa Rica, den Spargel aus Südafrika und die Trauben aus Chile beiseite legen und ein Produkt kaufen auf dem „Herkunftsland: Deutschland“ steht, hat sich mein Brief schon gelohnt. Also purer Eigennutz.
Oder vielleicht doch nicht?

Es grüsst Sie Ihr Bauer aus der Nachbarschaft

*Weitererzählen und weiterverteilen ausdrücklich erwünscht!

Euer Bauer Willi
(Aufrufe 58.231 gesamt, 6 heute)

28 Kommentare

  1. Hier in Frankreich beginnt für uns “Ausländer…” das Problem damit, dass wir den Bauer, auf seinem Traktor vorbeifährt in den wenigsten Fällen kennen. Und auch seine Frau nicht, seine Kinder, die Verwandschaftsverhältnisse u.s.w. Sind aus dem Grund dabei ein regelmässiges Treffen zu gründen, welches Gelegenheit Kennenlernen und Austausch bietet.

    Schon jetzt habe ich Bammel vor einem Thema. Ich gehe davon aus, dass nicht jeder kommerzielle Landwird hier nur organischen Dünger verwendet. Wie gehen Sie mit diesem Thema im Keis Ihrer Kollegen um…?

    • Liebe Christine
      jeder Landwirt ist ein “kommerzieller Landwirt”, egal ob konventionell oder Bio-Bauer. Wenn einer diesen Beruf ergreift, muss er davon leben (können). Organischer Dünger: so viel organischer Dünger, wie man nötig hätte, um davon alle Kulturen zu ernähren gibt es nicht! Und schon gar nicht, wenn alle auf vegane Lebensweise umstellen. Dann fehlt der Stallmist oder die Gülle erst recht. An mineralischen Dünger ist aber per se auch nichts schlechtes. Phosphat und Kali wird in Lagerstätten abgebaut, da ist nichts “künstlich”. Stickstoff wird synthetisch hergestellt, d.h. durch Einsatz von Energie in Fabriken. Aber unsere Atemluft enthält auch nicht unwesentliche Teile an Stickstoff!
      Wenn alle Landwirte verantwortungsvoll mit Dünger umgehen, entsteht auch kein Problem. Leider wird dies in den Medien anders dargestellt. Die Landwirte werden durch die schwarzen Schafe, die es auch da gibt, in Sippenhaft genommen. Das ist nicht fair.
      Willi

  2. Lieber Stefan, kleine redaktionelle Anmerkung. Du meinst mit konservativer Landwirtschaft wohl eher die moderne, konventionelle Landwirtschaft. Oder?
    Wobei “konservativ” vom lateinischen “erhalten, bewahren” kommt und von daher auch gut für uns Bauern passt. Nur dass keiner auf die Idee kommt, Landwirte wären altmodisch…

  3. Es ist gut, dass die Landwirtschaft aus dem Blickwinkel der Bauern beleuchtet wird. Mir wird speiübel, wenn ich daran denke wie die konservative Landwirtschaft oft in den Medien dargestellt wird entweder offen oder auf subtile Weise. Landwirte werden zu oft in den Medien wie Verbrecher dargestellt und als ebensolche auch von der Bürokratie behandelt. Der Nichtlandwirt bekommt ja leider auch nirgends mit wie wir mittlerweile gegängelt werden. Die Bürokratie, welche wir erleben dürfen hat meiner Meinung nach auch nichts mehr mit freiheitlicher Demokratie zu tun!!!! Was nützt einem das Recht zu wählen, wenn man überwacht wird, wie in einem Überwachungsstaat!!!
    Sollen doch die Leute, die für immer mehr Kontrolle sind, sich doch selber mal so Überwachen lassen.
    So das war das. Ansonsten hast du Recht, dass unser Beruf ein sehr schöner und wichtiger ist.

  4. Lieber Willi,

    als Kollege kann ich deine Worte nur unterstützen. Du hast die Thematik einfach und deutlich dargestellt.
    Grundsätzlich stelle ich immer wieder fest: Wir Landwirte haben einen wunderschönen Beruf. Wir dürfen in und mit der Natur und den Tieren arbeiten.
    Was ich mir wünsche, und damit spreche ich sicher für viele meiner Kollegen, das wäre eine größere Wertschätzung unserer erzeugten Lebensmittel, weniger Bürokratie und einen angemessenen Lohn für unsere Arbeit und Mühe.
    Unter Wertschätzung verstehe ich auch, nur so viele Lebensmittel einzukaufen, wie später auch verspeist werden. Wenn ich bedenke, was alles im Müll landet……
    Ich bin überzeugt: wer bewußt regional, oder vielleicht sogar bio einkauft, und mit diesen Produkten gut haushaltet, der kann sich die teureren Lebensmittel auch leisten.

    Euer Bauer Franz

    • Liebe Franz
      ich gebe dir in allen Punkten recht. Was die Preise angeht, so findest Du das auch in dem Beitrag zum “Brötchen im Wandel der Zeit” hier auf der Seite. Zur Wertschätzung kommen wir noch, aber erst nächste Woche. Allerdings ein böser Beitrag…
      Willi

  5. Lieber Nachbar,

    toller Text und soooo wahr. Ich versuche, zum Beispiel Eier und Fleisch ausschließlich direkt bei “meinem Bauern” zu kaufen. Schmeckt besser und unterstützt den regionalen Landwirt.
    Machen Sie weiter so!
    Grüße, Doris J.

  6. Lieber Willi,

    ich habe großen Respekt vor Deiner Arbeit und der Einstellung dazu.
    Ich bin Reiterin und wir erfreuen uns im Frühjahr und Sommer, jedes Jahr auf´s Neue, an der Schönheit der verschiedenen Felder und Wiesen. Mein Opa hatte in Bayern einen Bauernhof und hat auf seinem Land auch Wälder errichtet und sein Sohn (mein Onkel) hat es für Ihn weiter betrieben.
    Es ist von unbezahlbarem Wert diese ursprüngliche Art der Landwirtschaft zu erhalten und weiter zu geben und ist mit sehr viel Idealismus verbunden.
    Ich wünsche Ihnen noch viele erntereiche Jahre und hoffe, dass ihr Sohn in Ihre Fußstapfen tritt.
    Viele Grüße aus Süddeutschland

  7. Hallo Leute,

    ich habe zwei Seiten des Lebens kennen gelernt. Einmal den Landwirt, dafür habe ich drei Jahre Ausbildung hingelegt und danach noch die Fachschule, auch bekannt als Winterschule. Der andere Teil ist normaler Arbeitnehmer mit Familie in Miete.

    Dass ein Bauer für seine Produkte viel zu wenig erhält, um seine Ausgaben und ein vernünftiges Leben zu finanzieren, ist mir vollkommen klar.

    Was mir so dermaßen stinkt sind die stetig steigenden Energie- und Mietkosten. Das Verhältnis von Einkommen zu diesen Ausgaben hat sich gewaltig verschoben. Hat sich in den 60-er Jahren ein Arbeitnehmer neben Wohnung und Auto auch noch Urlaub leisten können mit einem Einkommen, so ist der, der im Verhältnis zu damals gleich viel verdient, ein armer Schlucker.

    Ich lebe mit meinen beiden Kinder allein, habe sogar ein relativ gutes Einkommen aber trotzdem kann ich mir keinen Urlaub leisten und die vielen Extras, die Doppelverdiener haben, sind schon gar nicht drin. Für die Warmmiete in der Münchner Umgebung fällt gleich mal locker ein Tausender an, dazu kommt noch Strom und Telefon und schon ist fast drei Viertel von meinem Einkommen weg.

    Das Problem liegt nicht unbedingt an den Verbrauchern, wie uns die Lobbyisten und Politiker einreden wollen, sondern an den gewaltig hohen Nebenkosten, die auch der Landwirt hat.

    Leider ist es so, dass wir eine ganze Menge Familien in Deutschland haben, die netto unterm Harz IV-SATZ leben und der ist nicht hoch. Grund dafür leuchtet so ziemlich jedem ein, der sich etwas auskennt. Harz IV wird netto ausbezahlt, während für Arbeitnehmer zur Berechnung der Bruttolohn herangezogen wird. Das bedeutet, dass die, die brutto knapp über Harz IV liegen nichts bekommen, obwohl sie netto weit drunter liegen.

    Diese Reihe könnte ich noch unendlich weit fort setzen, aber das bringt so oder so nichts.

    Fazit an dem ganzen, Landwirte und eine große Zahl der Arbeitnehmer teilen das gleiche Schicksal.

    Deutschland ist zum Leben zu teuer, aber gehen können wir auch nicht.

  8. Hallo Willi.

    es ist gut,was du schreibst. ich gebr dir recht. ich komme aus thüringen und wohne seit einiger zeit in langwaden. bin auch aus der landwirtschaft und interesiere mich sehr
    dafür .hauptsächlich für die technik und tiere. würde mich sehr über eine antwort freuen.

    • Lieber Lothar
      ich freue mich, wenn Du meine Ansichten teilst. Und da du jetzt in Langwaden lebst, was nur 10 km von Rommerskirchen entfernt ist, freue ich mich gleich zweimal.
      Gruß von Haus zu Haus.
      Willi

  9. Lieber Willi,

    ein schöner Artikel, das muss ich zugeben. Werbung können Sie damit aber nur für sich und eine Gruppe von Landwirten machen, die das gleiche Selbstverständnis von ihrer Profession hat wie Sie. Das Image des Landwirts haben Sie nicht zerstört, aber Sie können es leider auch nicht alleine reparieren.

    Beispiele:
    - „Der Regen, der Fällt […] damit Sie sauberes Trinkwasser haben.“ In einigen Regionen Deutschlands ist das nicht so. Übermäßige Düngung und intensive Tierhaltung sorgen für hohe Nitrat- und Phosphorbelastungen im Grundwasser. Leider ist ein Teil der Landwirtschaft damit sogar für Verunreinigungen in Gewässern verantwortlich.

    - „Blühende Rapsfelder […] gäbe es ohne mich nicht.“ Nun ja. Das allgemeine Bild von Landwirtschaft ist das hier: http://images.nzz.ch/eos/v2/image/view/643/-/text/inset/9e52b187/1.10438436/1304243995/brasilien-original.jpg
    Das ist zugegebenermaßen nicht Deutschland, aber „wogendes Getreidefeld“ scheint mir ein euphemistischer Ausdruck dafür.

    - „Flora und Fauna, die es ohne den Menschen nicht gäbe.“ Ich weiß nicht, wie Ihre Wiesen und Felder aussehen, aber in der Regel fallen mir nur Beispiele ein von Flora und Fauna, die es ohne den Menschen NOCH gäbe. An welche Arten denken Sie denn so, wenn Sie diesen Satz schreiben?

    - „Kostenlos“ ist ein starkes Wort in Ihrem Text. Sogar „der Schatten“ ist kostenlos. Was Sie tun ist sehr löblich. Einerseits schreiben Sie aber, der Hof sei „kein Hobby“, den Wald haben Sie aber angelegt, „weil ich Freude daran hatte.“ Sie sind mit Leib und Seele Landmensch, das ist toll. Aber wenn diejenigen, die sich auf Ihre Bank setzen, das auch sind, dann sind Schatten und Landschaft für die auch was Selbstverständliches.

    Sie machen Werbung vor allem für sich, nicht für Ihren Berufsstand. Ich soll Ihnen dankbar sein, dass Sie mein Essen produzieren, und gleichzeitig dafür, dass Sie „die Wiese nicht in Ackerland umwandeln“. Ich esse aber kein Gras. Zu Beginn erwähnen Sie, dass ich es Ihnen zu verdanken habe, dass in den letzten Jahrzehnten die Preise für Lebensmittel kontinuierlich fallen. Falls all das stimmt, was Sie schreiben, dann habe ich das nicht Ihnen, sondern den Industrielandwirten zu „verdanken“. Denn Lebensmittelproduktion ist längst eine Industrie.

    Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit Ihrem (der Beschreibung nach) romantischen Gutshof. Ich würde es begrüßen, wenn mehr Landwirte sich so begreifen würden. Tun sie aber offenbar nicht. Deshalb schätze ich ihre Arbeit Wert…aber mein Bild von moderner Lebensmittelproduktion kann das nicht zurechtrücken.

    • Lieber Frank
      nein, Dank will ich nicht für meine Arbeit. Aber etwas mehr Anerkennung. Wenn ich in den letzten 25 Jahren über 200.000 € in den Erhalt der Gebäude meines “romantischen” Hofes (was soll dieser Ausdruck?) gesteckt habe, dann um ihn damit zu erhalten. Mir, unserem Sohn und seinen Kindern und der Gesellschaft, also auch ihnen. Ich hätte mit dem Geld auch was anderes machen können als davon Dachziegeln zu kaufen! Urlaub zum Beispiel.
      Zu den Beispielen:
      - wenn es Berufskollegen gibt, die für Verunreinigungen der Gewässer verantwortlich sind, so ist das nicht in Ordnung und muss geahndet werden. Punkt.
      - blühende Rapsfelder sind doch ein schöner Anblick. Der Imker, der seine Völker auf meiner Weide stehen hat (kostenlos) ist sogar dankbar. Wenn ich keine Raps hätte, könnte er nicht so viele Völker halten.
      - Flora und Fauna: die Lünebürger Heide wäre ohne Schafe ein Birken- und Kiefernwald. Ohne menschliche Eingriffe gäbe es sie nicht. Gut? Schlecht?
      - Kostenlos: Beim Schatten vielleicht ein falsches Wort. Aber: ich habe entlang eines Wanderweges auf meinem Grundstück 100 kg Tulpenzwiebeln gepflanzt, zusammen mit unserem Sohn. Im Frühjahr laufen dann die Spaziergänger vorbei und pflücken die blühenden Tulpen ab. Das ist eine Missachtung meiner Arbeit und ärgert mich. Genau genommen ist es sogar Diebstahl. Es ärgert mich auch, wenn massenhaft deren Hunde auf meine Wiese scheißen. Das ist unhygienisch für das daraus entstehende Heu.
      - Das Bild von der brasilianischen Mähdrescher-Armada gefällt mir sehr gut. Industrielle Landwirtschaft eben. Das Wort Industrie leitet sich ab vom lateinischen “industria” = Betriebsamkeit, Fleiß.

      P.S.: Das Sie kein Gras essen ist mir auch klar. Sollte ja auch nur polemisch sein. Aber Kühe fressen Gras und die produzieren Milch und Fleisch.
      Trotzdem vielen Dank für Ihre Antwort, die mir Gelegenheit gibt, einige Punkte zu erläutern. (P.S.: in den nächsten Tagen kommt ein weiterer Artikel. Ich freue mich schon auf Ihre Einwendungen) Willi

  10. Und trotzdem wählen viele Landwirte CDU, weil sie glauben, dass Ihnen das was hilft. Dabei ist doch die CDU genau die Partei, die opportunistisch handelt und die kleinen, lokalen Landwirte platt macht.

    Oder wie Holgi sagt: Die Menschen wählen immer die Partei, zu deren Klientel sie gehörten möchte, nicht zu deren Klientel sie auch tatsächlich gehört.

    • Ziemlich dünne Argumentation. Der Verbraucher bestimmt, nicht die Politik. Und die gezielte Attacke auf eine einzelne Partei kommt einem doch recht durchblickbar vor.

    • Lieber Uwe,
      hast Du mal aufmerksam die Nachrichten verfolgt. Fast alle Parteien hören auf ihre Lobbyisten, also die bezahlten Vertreter der Industrie. Was ich noch viel schlimmer finde sind Die Grünen! Die machen aus den Landwirten die größten Umweltverschmutzer der Nation! Sie wollen keine Tierhaltung, denn die produzieren nur Methan. Keinen Mist aufs Feld, denn der stinkt und verseucht das Grundwasser. Aber Essen wollen sie schon, oder Wolle für Kleidung, usw.
      Leider habe ich auch noch keine Partei gefunden die da nachvollziehbar realistisch handelt und nicht nur Lippenbekenntnisse abgibt.

    • Die Politik macht keine Preise. Und wenn sie welche machen würde, wäre das oft fatal. Sie kann aber Rahmenbedingungen setzen, z.B. Mindestpreise, unter die ein Produktpreis nicht fallen dürfte. Im Zuge der Liberalisierung des Welthandels fallen da aber gerade auch noch die letzten Schranken (Milch, Zucker…). Was uns als Landwirten Probleme macht ist die Konzentration der Einkäuferseite, der wir nichts wirksames entgegenzusetzen haben. Wenn ich mal träume, dann sehe ich an der MATIF in Paris (Börse für europäisches Getreide) ein elektronisches Laufband auf dem steht: “Bauern: Weizen nicht verkaufen unter 20 €/dt.” Und alle Bauern würden sich auch noch daran halten!! Nicht auszudenken…

    • nicht die Politik macht die Landwirte kaputt, sondern der Geiz, dass alles immer noch günstiger geht.
      Und die “Geiz-ist-geil-Fraktion” geht durch alle politischen Farben.

      Alois

  11. Vielen vielen dank für diesen Artikel. Ich kenne das selbst, bin auf dem Hof aufgewachsen, und mit 19 ausgezogen. Mein Vater hat immer noch den Hof, und führt diesen auch weiter.
    Wie oft habe ich gehört ich wäre ein “Bauer”, und wir sollen doch mal aufhören, immer das Dorf “vollzustinken” mit Dünger und den Gerüchen, die eben auf einem Bauernhof entstehen.

    Ich stimme diesem Artikel zu 100% zu.

    Grüße aus der Eifel bzw. Mittelfranken

    • Buy local! Aber das dann auch tun! Eine (nicht repräsentative) Umfrage vor drei Supermärkten hat ergeben, dass 56% der am Eingang befragten Personen für regionale Lebensmittel sind. An der Kasse waren im Einkaufswagen 3% der Produkte die eingekauft wurden, aus der Region. Deshalb: gleich in den Hofladen beim Bauern, da ist alles aus der Region. Garantiert!! Gruß nach Köln.
      KS

  12. Lieber Nachbar,
    vielen Dank für den guten Artikel und vor allem für deine tägliche Arbeit für die Umwelt und uns alle! Was mich traurig stimmt, dass du so viel kostenlos anbieten musst - und viele andere Industrien mit ihren billigen Produkten Umwelt und Menschen schädigen, auf Kosten der Steuerzahler. Sollten ökologisch und nachhaltig erzeugte Produkte nicht billiger sein als konventionelle oder importierte? Die Finanzkrise hat uns Bürger schon Milliarden gekostet, weil ein paar wenige sich bereichert haben. Welche Kosten kommen auf die Gesellschaft durch z.B. billiges Fleisch (Keime/Nitrat/Lohnsklaven) zu - und wer profitiert davon (ALDI/Lidl/Penny)? Auch im Gesundheitssystem erdrücken uns die Folgen schlechter Ernährung… Also liebe Einkäufer: Lebensmittel sind unser kostbarstes Gut, schaut wo sie herkommen und zahlt ein paar Euro mehr für gute und regionale Produkte! Auf Internetportalen wie z.B. http://www.foodroot.de könnt ihr Produzenten und Einzelhändler finden und euren Freunden empfehlen.

    • Hallo,

      kostenlos ist nicht umsonst. Irgendeiner zahlt immer die Zeche.
      Und wir Landwirte zahlen im Moment viel drauf.
      Dafür gibts vom Staat zwar Geld. Aber dafür müssen wir uns dann auch noch von der Allgemeinheit “anscheißen” lassen.
      Ich glaube auch, dass sich da viel ändern muss.
      Aber wie?
      Alois

  13. Lieber Willi,
    Wer sich dafür interessiert weiß auch wie es ist und wie schwer es ist sich in der heutigen Zeit als Landwirt zu behaupten. Die meisten machen sich doch gar keine Gedanken über die Herkunft der Lebensmittel……..da stehen ganz andere Dinge im Vordergrund.. leider.
    Ich finde es schon mal gut dass solche Berichte auf Facebook zu lesen sind!
    Liebe Grüße von einer Bäuerin

    • Liebe Helga
      stimmt! Für Urlaub werden 16% des Einkommens ausgegeben, für Lebensmittel 13%. Wenn sich was ändern soll, müssen wir das selbst in die Hand nehmen. Druck dir doch einfach den “Nachbar”-Artikel aus und verteile ihn an deine Nachbarn. Oder schicke ihn an deine Tageszeitung. Veränderung beginnt im Kopf!
      Also: Kopf hoch!
      Willi

  14. hallo
    ein toller beitrag genauso siht es in ganz deutschland aus nicht immer zur zufriedenheit aller bürger aber allen kann man es nicht immer recht machen .

    gruß
    bauer pauelsen

    • Schön, dass er dir gefällt. Ich habe noch einen in der Pipeline.
      Also: bleiben Sie uns treu, empfehlen Sie uns weiter (Ranga Yogeshwar)
      Und: bleiben Sie gespannt…
      Willi

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